Ein Chart zeigt den Preis über die Zeit. Market Profile dreht die Frage um: Wie viel Zeit hat der Markt bei jedem einzelnen Preis verbracht? Aus dieser Frage entsteht eine Verteilung — und sie zeigt, wo der Markt Preise als fair akzeptiert, also Wert gefunden hat.
Dieselbe Sitzung lässt sich auf zwei Arten lesen. Der klassische Chart trägt den Preis gegen die Zeit ab und fragt: „Wohin geht es?“ Market Profile trägt die Zeit gegen den Preis ab und fragt: „Wo hat der Markt sich aufgehalten?“ Die zweite Frage führt zu einer Verteilung — und die ist überraschend aussagekräftig.
Linien, Balken, Kerzen — jede Form beantwortet dieselbe Frage: Wo stand der Preis zu welchem Zeitpunkt? Das ist nützlich, blendet aber eine Information aus: wie lange der Markt bei einem Preis verweilt hat.
Market Profile zählt, wie oft der Markt jeden Preis berührt hat, und stapelt diese Berührungen seitwärts. Es entsteht eine Verteilung — meist glockenförmig. Ihre breiteste Stelle markiert den Preis, an dem am meisten gehandelt wurde: den Ort des Werts.
Legt man dieselbe Sitzung neben ihr Profil, wird der Trick sichtbar: Jeder Preis sammelt so viele Markierungen, wie der Markt Perioden dort verbracht hat. Wo viel Zeit liegt, wölbt sich das Profil — dort hat der Markt Wert akzeptiert. Die dünnen Enden sind Preise, die schnell abgelehnt wurden.
Steidlmayers Ausgangspunkt war eine schlichte Beobachtung: Der eigentliche Zweck eines Marktes ist es, Handel zu ermöglichen. Dafür sucht er ständig einen Preis, bei dem beide Seiten bereit sind zu handeln — den fairen Preis.
Bleibt der Markt lange bei einem Preis, ist dieser für beide Seiten akzeptabel: Wert. Schießt er schnell durch einen Preis hindurch, wurde dieser abgelehnt. Genau dieses Verweilen macht das Profil sichtbar.
Market Profile ist keine Erfindung aus dem Nichts, sondern die Verbildlichung einer sehr alten Idee — dass Märkte Auktionen sind.
Lange vor jedem Bildschirm beschrieb die Ökonomie den Markt als fortlaufende Auktion: Preise steigen, bis Käufer ausbleiben, und fallen, bis Verkäufer aufgeben. Diese Pendelbewegung sucht einen fairen Preis.
Ein Händler am Chicago Board of Trade. Er ordnete die Tagesdaten neu: nicht als Verlauf, sondern als statistische Verteilung über den Preis — und prägte den Begriff Time Price Opportunity (TPO).
Die Börse veröffentlichte Market Profile öffentlich. Seither wird es auf jeden liquiden Markt und Zeitrahmen angewandt — Futures, Aktien, Devisen, Krypto. Die Logik bleibt: Zeit zeigt, wo Wert ist.
Mehr brauchen Sie für den Einstieg nicht. Alles Weitere baut darauf auf.
Wo der Markt lange handelt, akzeptiert er den Preis als fair. Verweildauer ist die zentrale Information, die ein Profil sichtbar macht.
Market Profile sagt nicht „wohin“. Es zeigt die Struktur, in der sich der Preis bewegt — den Rahmen, in dem alles andere Sinn ergibt.
Das Profil ist ein Werkzeug zum Einordnen, kein Kauf-Knopf. Es macht aus Rauschen eine lesbare Landschaft aus Wert und Ablehnung.